Galerie Beatrice Brunner
  


 


 

Raumansichten, Kesselhaus, ehemalige Bierbrauerei Gassnerim,
Altenberg, Bern


Ein besonderer Ort an der Aare
Die Aktionsgalerie im Gassner-Areal wird neu bespielt

In den Siebzigerjahren befand sich im Kesselhaus der einstigen Bierbrauerei Gassnerim Altenberg die Aktionsgalerie, Berns Drehpunkt der Kunst-Avantgarde. Mit dem Ausstellungsprojekt «No Ground Floor» kehrt die Galerie Béatrice Brunner dorthin zurück:  Karen Amanda Moser, Miriam Sturzenegger und Lorenzo Salafia interpretieren und füllen den geschichtsträchtigen Raum neu, hier und jetzt und sehr spontan.

Den hohen, von schlanken Säulen getragenen Raum, den sich Béatrice Brunner als Ausstellungsort vorstellte, kannten Karen Amanda Moser, Miriam Sturzenegger und Lorenzo Salafia nicht. Doch kaum waren sie drinnen, nach den ersten Momenten der Verblüffung und des Respekts, begannen sie sich in ihn hineinzudenken. Das fordert der Raum, er will bespielt sein in seiner schlichten Eleganz und Einzigartigkeit, er schafft emotionale Bindung, ehe man sich’s versieht. Das ist nicht erst heute so.

Im späten 18. Jahrhundert war der Altenberg noch weitgehend unbebaut. In der Nähe des Altenbergstegs befand sich eine Ziegelei, später kamen eine kleine Brauerei und Spritfabrik und eine Gartenwirtschaft dazu. Sie lag am Weg aus der Stadt, viele sind dort ein letztes Mal eingekehrt, bevor sie aufbrachen. 1884 übernahm Rupert Gassner das Gelände, das noch immer seinen Namen trägt. Er liess es überbauen und eröffnete die Bierbrauerei und Eisfabrik Gassner. 1941 wurde der Eisenbahnviadukt gebaut: Der imposant hinter der Brauerei emporragende Betonbogen verleiht dem Areal bis heute einen ungewohnten urbanen Charakter. Nach der Übernahme durch die Gurten Brauerei wurde die Produktion im Altenberg 1969 eingestellt.

Im einstigen Brauhaus öffnete im Jahr darauf die Aktionsgalerie. «Man wollte eine Oppositionsgalerie sein», sagte deren Gründer Ruedi Jäggli später. Sie sollte weiterführen, was durch Harald Szeemanns Abgang aus der Kunsthalle verloren zu gehen drohte, und wurde, international vernetzt wie sonst niemand in der Stadt, zu Berns Drehpunkt der Kunst-Avantgarde. 1970 hatte der Wiener Aktionist Otto Mühl dort seinen ersten Schweizer Auftritt, Mummenschanz waren da, 1972 zeigtenüber 30 Künstlerinnen und Künstler Arbeiten zum Thema «Idols», unter ihnen H.R. Giger, Meret Oppenheim und Lilly Keller.

Berner Kunstschaffenden bot die Galerie, zum Teil zum ersten Mal, eine Plattform: Heinz Brand, Franz Eggenschwiler, Margrit Jäggli. Daniel Spoerri präsentierte Eat Art, Gerhard Johann Lischka kuratierte die erste Polaroid-Ausstellung weltweit. Im gleichen Haus, unter dem Dach, hatte Franz Gertsch sein Atelier, in dem Hauptwerke wie «Kranenburg», «Medici» und die Luciano Castelli-Bilder entstanden. Das Gassner-Areal war einer der Schauplätze des kulturellen Aufbruchs dieser Jahre, wie das Kellerkino und die Kellertheater, wie die drei andern in den Siebzigerjahren eröffneten Galerien: Lydia Megert, Martin Krebs und der Kunstkeller von Dorothe Freiburghaus.

Karen Amanda Moser, Miriam Sturzenegger und Lorenzo Salafia wissen um die Tradition des Hauses. Doch die muss sie nicht kümmern. Sie entdecken und erfinden den Raum ja neu für sich. Sie machen das hier und jetzt, sehr spontan, die Realisation dauert wenige Wochen. Das Angebot, den ungewöhnlichen, aber etwas vergessen gegangenen Raum noch einmal zu nutzen, machte ihnen die Galeristin Béatrice Brunner. Bei Dreharbeiten zu einem Film entdeckte sie den Ort für sich, war begeistert davon und begann mit der Planung eines Projekts. Damit schreibt sie auch eine Ausstellung ihrer Galerie aus dem Herbst 2021 fort, eine Retrospektive der Künstlerin Margrit Jäggli, der Frau des Galeristen, die durch eine Reihe von Werken von Berner Zeitgenossinnen und Zeitgenossen erweitert wurde. Mit der Einladung an Kunstschaffende der nächsten Generation, die die Aktionsgalerie nicht mehr kannten, schliesst sich der Kreis von den Siebzigern zur Gegenwart.

Die Ausstellung «No Ground Floor» ist eine kulturelle Zwischennutzung des Hauptgebäudes der einstigen Brauerei. Jacqueline Gutknecht-Pagano zeigte sich gegenüber dem Projekt von Anfang an offen und interessiert. Sie ist Ururenkelin von Rupert Gassner, das Areal befindet sich bis heute in den Händen der Gründerfamilie. In den letzten Jahren wurden an den Gebäuden regelmässig Unterhaltsarbeiten vorgenommen, eine umfassende Sanierung ist nicht geplant. Jacqueline Gutknecht-Pagano betont aber, dass der Besitzerfamilie der Erhalt der inzwischen 131 Jahre alten Brauerei sehr wichtig ist.

So raumgreifend das Gassner-Areal auch ist, nimmt man es als Passant:in, von Bäumen verdeckt, doch eher am Rand wahr. Eine Zeitlang gab es Streit um die künftige Nutzung, es kam zu Volksabstimmungen und Zonenplanänderungen, aber das ist schon eine Weile her. Bern ist der Sinn etwas abhandengekommen für dieses ausserordentliche Stück Stadtgeschichte, das hier geschrieben wurde, von Rupert Gassners ambitionierter Überbauung bis zur Umnutzung eines einstigen Fabrikraums zur Galerie 100 Jahre später.

In der Aktionsgalerie hatte die Avantgarde einen ihr adäquaten Spielort gefunden. Nun kommt sie, mit der Ausstellung «No Ground Floor», zurück. Eine gute Gelegenheit, auf einen Spaziergang der Aare entlang zu gehen und sich dort unten wieder einmal umzuschauen.

Bernhard Giger

 
   
Galerie Béatrice Brunner

Bern: Nydeggstalden 26 | CH-3011 Bern
Donnerstag & Freitag / Thursday & Friday 14 - 18 Uhr / 2-6 pm
Samstag / Saturday 12 - 16 Uhr / 12am-4pm

Bruxelles: RIVOLI Building | Chaussée de Waterloo 690 | BE-1180 Uccle Bruxelles
Freitag & Samstag / Friday & Saturday 13 – 18 Uhr / 1 - 6 pm