Galerie Beatrice Brunner
  

Anna Katharina Scheidegger, aus der Serie Diamonds Melting,
2022, Cyanotypie, 40 x 30 cm, Unikat

Alexander Jaquemet, Dolen (aus der Serie Rabenland),
Pigmentprint auf Büttenpapier, 72 x 54 cm, Aufl. 5 Ex.

Douglas Mandry, Seilschaft bei der Besteigung des Bossons-
Gletscher,
aus der Serie Monuments, 2020, Lithographie
auf Geotextile (Gletscherschutz-Decke), 98 x 123 cm, Unikat


Ansprache zur Ausstellung «Transition»


Mathias Kobel, November 2023


Liebe Gäste

Ich begrüsse Sie sehr herzlich zur Ausstellung «Transition» oder in deutscher Sprache gesprochen «Übergang» bei Béatrice Brunner in ihrer Galerie. Gezeigt werden aktuelle und neue Arbeiten der Kunstschaffenden Sylvia Hostettler, Alexander Jaquemet, Douglas Mandry und Anna Katharina Scheidegger.

Einige Gedanken von mir zur Ausstellung.

Stellen Sie sich vor, es ist Sommer und Sie verlassen das Mittelland, die Stadt oder das Tal, weil es Sie in die Berge zieht. Je höher die Lage, desto stärker der Wind und umso klarer die Sicht. Das At-men wird schwieriger undoberhalb der Waldgrenze ändert sich die Landschaft von üppiger Vielfalt zu karg. In noch höheren Lagen, auf steinigem Grund, stehen Sie dann vor einer Gletscherzunge – das ist am Fusse des Gletscherfeldes, wo das trübe Schmelzwasser unter dem Eis hervortritt und sich zu einem Bach formt –, und plötzlich ist es frisch und kalt. Das von Weitem sichtbare Weiss des Gletschers verändert sich von Nahem betrachtet in unterschiedlichste Blau-, Silber- und Grautöne. Die Oberfläche des Gletschers scheint gleissend hell im Sonnenlicht, im Innern sind die Eiswände glatt, glitzernd und übersäht mit im Gletscherwasser gespiegelten leuchtenden Punkten.

Die Werkserie «DIAMONDS MELTING» der Künstlerin Anna Katharina Scheidegger zeigt eindrücklich die Vielfalt an Formen des Gletschereises sowie die Feinheit des vergänglichen Materials der Natur. Ohne technische Hilfe einer Fotokamera realisiert die Künstlerin diese Arbeiten manuell in einem Kontaktverfahren mit Eis auf lichtempfindlichem Fotopapier. Das Preussisch-Blau dieser Unikate entsteht durch die Mischung von Eisen, welches unter UV-Licht oxidiert und anschliessend mit Wasser gewaschen wird. Bei näherer Betrachtung ergeben sich objekthafte und reliefartige Umrisse dieser Eisdiamanten.

Während mehrerer Wanderungen schuf Sylvia Hostettler Fotografien von Landschaften, die durch ihre Aktualität eine eigenartige Präsenz erhalten. Sichtbar ist ein Ausschnitt der Natur mit Geröll, Eis und Erde bei ungetrübtem Wetter. Wie ein «Bild im Bild» evoziert die Künstlerin zusätzlich durch die Integration eines physischen Spiegels eine weitere Ebene. Hier zeigen sich die Spuren der sich verändernden alpinen Landschaft im Gegenüber, erkennbar am Rückzug der «weissen Riesen» durch die Klimaerwärmung. Die Arbeiten dieser Serie entstanden 2018 an 14 Standorten in den Schweizer Alpen und tragen als Titelangabe jeweils die Masseinheit der Höhe mittels Meter über Meer.

Die Welt mit ihren vielfältigen Gegenden ist auch das Thema der Fotografien des Künstlers Alexander Jaquemet. Aus unterschiedlichen Werkserien stammen die in der Ausstellung präsentierten Arbeiten. Im kleineren Galerieraum begegnen wir einem Nachthimmel voller Sterne sowie einer Bergdohle im Anflug oder in der Landung aus der Serie «Rabenland», die zwischen 2007 und 2012 entstanden ist. In diesem Raum hier ist es die poröse Oberfläche eines Gletschers als All-Over-Struktur mit den klaffenden Eisspalten.

Point of no Return.

2004 veröffentlichte der Journalist Daniel Glick in der Zeitschrift «National Geographic» mit Bildern von Peter Essick den Artikel «The Big Thaw» – «das grosse Tauwetter», in dem er auf die Zerstörung des Schelfeises sowie auf den Rückgang der Gletscher auf verschiedenen Kontinenten einging und auf die Rolle, welche wir Menschen in diesem schnellen, nicht rückgängigen Prozess spielen. Das Jahr 2004 ist der früheste Zeitpunkt, den ich finden konnte, als in der Schweiz erstmals grossflächig Gletscherflächen mit Planen zum Schutz vor dem Schmelzen durch die Klimaerwärmung bedeckt wurden. Der Aufhänger dieser Ausgabe von «National Geographic» war emblematisch benannt mit «Global Warning» und das Titelbild ein in Flammen stehender Wald. Bis heute existiert kein geschichtlicher Abriss über die Schutzmassnahmen der Gletscher.

Der Genfer Künstler Douglas Mandry präsentiert zwei Drucke auf ebensolchen Geotextilien aus seiner Werkgruppe «Monuments». In einem aufwendigen Verfahren der Lithografie realisierte Mandry einzelne, ausgewählte S/W-Fotografien aus der Geschichte des Alpinismus des frühen 20. Jahrhunderts auf Fetzen solcher gebrauchten Planen. Jede Lithografie ist ein Unikat und unterscheidet sich aufgrund unterschiedlicher Eis- und Klimaspuren auf dem filzähnlichen, textilen Bildträger. Zu sehen sind zudem Bündner Bergbilder der Serie «Unseen Sights», in denen der Künstler eine Airbrush-Technik anwendet und die Oberflächen der Bergkuppen fragmenthaft collagiert und zu einem Ensemble zusammenfügt («Piz Trovat, Engadine», 2022).

«Transition» beziehungsweise Übergang bezieht sich einerseits auf die Vielfalt der visuellen Techniken für die Realisation der ausgestellten Werke, gleichzeitig auf fatale Weise jedoch auch auf den aktuellen Zustand unserer Umwelt. Die Welt, sei es der alpine Raum, seien es die Meere oder Küsten, befindet sich in einem grossen Veränderungsprozess. Ein Zitat von Anna Katharina Scheidegger zu einer ihrer Werkserien bringt den Umgang mit diesem endlichen Prozess folgendermassen und wie ich finde sehr treffend auf den Punkt:

«Die Arbeit ist ein grenzenloser und doch hoffnungsvoller Versuch, eine Spur von der immer schneller verschwindenden Schönheit der Gletscher in einem einmaligen Gletscherarchiv zu konservieren.»

Ich wünsche Ihnen eine schöne Vernissage.

 
   
Galerie Béatrice Brunner

Bern: Nydeggstalden 26 | CH-3011 Bern
Donnerstag & Freitag / Thursday & Friday 14 - 18 Uhr / 2-6 pm
Samstag / Saturday 12 - 16 Uhr / 12am-4pm

Bruxelles: RIVOLI Building | Chaussée de Waterloo 690 | BE-1180 Uccle Bruxelles
Freitag & Samstag / Friday & Saturday 13 – 18 Uhr / 1 - 6 pm